Vier Schotten bauten 1884 in West Virginia einen Golfplatz und gründeten den ersten
Golfclub der USA. 1994 wurde die Anlage wieder in Betrieb genommen und ist seither
Schauplatz eines nostalgischen Golfturniers.
Vielleicht kann diese Neuauflage als Modell für den Golfplatz
Oberhof dienen. Oberhof – ein deutsches Oakhurst?
Ein Mekka für Hickory Golf? Die Herren am ersten Abschlag tragen zugeknöpfte Jackets, Schiebermütze
oder Melone, die Damen lange Röcke und viktorianische Hüte.
Ein Golfturnier ist zwar keine Modenschau, doch zur National Hickory
Championship gehört der elegante Look des neunzehnten Jahrhunderts
ebenso dazu wie die klassischen Hickory-Schläger aus der Frühzeit des
Golfsports. Während die Kleiderordnung locker gehandhabt wird, müssen
die besonderen Spielregeln des Wettbewerbs streng beachtet werden: Erlaubt
sind nur Schläger und Bälle, die vor gut einem Jahrhundert üblich
waren, wobei es egal ist, ob es sich um Originale oder Nachbildungen
handelt. Seine Tees muss sich jeder eigenhändig aus einem Häufchen
feuchtem Sand errichten, der an jedem Abschlag in einem Blecheimer bereitsteht.
Golftaschen sind nicht erlaubt, der reduzierte Schlägersatz muss,
wie früher, unter den Arm geklemmt werden. Bälle auf dem Grün dürfen
nur aufgenommen werden, wenn sie sich auf der direkten Puttlinie eines
Mitspielers befinden. Wer einen Ball für unspielbar erklärt, muss damit
rechnen, dass sein Partner Einspruch erhebt und den Schlag dann selbst
dreimal versuchen darf, um die Spielbarkeit zu beweisen. Die Schafe, die
auf den Fairways grasen und den Rasen einigermaßen kurz halten, sind
in Ruhe zu lassen, selbst wenn sie das eigene Spiel und die Konzentration
empfindlich stören. Bälle, die im Schafsdung versinken, dürfen straflos
aufgehoben, gereinigt und in Schlägerlänge gedroppt werden. Auf der
fünften Spielbahn muss man sich besonders vor der Nachbarin in acht nehmen,
deren Gemüsegarten direkt ans Fairway grenzt. Bälle, die dort verschwinden,
gelten als verloren, denn die alte Dame hat für Golf nichtsübrig und erst
recht nicht für Golfer, die auf der Suche nach Bällen in ihren Beeten herumtrampeln.
Normalerweise reicht zur Abschreckung das Gebell des Hundes, doch
geht das Gerücht, dass auch der Colt der Lady recht locker sitzt. Am fünften Tee steht deshalb
eine ernstzunehmende Warntafel, die auf diese merkwürdigen Gepflogenheiten hinweist.
Wer mit Gemüsegarten, Schafen und den ungewohnten Schlägern einigermaßen zurecht
kommt, kann sich ansonsten auch bei der Hickory Golf Championship an das halten, was man
heutzutage anderswo als Golfregel und Etikette kennt. Viele Teilnehmer – angereist sogar aus
Florida, Michigan, Kalifornien und Kanada – tun sich allerdings sichtlich schwer, die Bälle
mit ihren traditionellen Brassies und Mashies auf eine hohe Flugbahn zu schicken. Nötig ist
mit solchen Schlägern weitaus mehr Präzison beim Schwung als mit moderner Ausrüstung.„
Hier macht der Spieler noch den Schlag, nicht der Schläger“, meint Randy Jensen, der von Nebraska
aus über den halben Kontinent gefahren ist, um bei diesem Nostalgie-Turnier wiederum
dabei zu sein. Einmal sogar hatte er mit 33 Schlägen für die neun Löcher einen Platzrekord
aufgestellt – auf den ersten Blick vielleicht keine überragende Leistung für den nur 2045 Meter
langen Kurs. Doch sogar Lee Trevino, der hier zu
Gast war, brachte mit den antiquarischen Schlä-gern und Bällen gerade einen Score von 47 zustande.
Die Champions aus früheren Zeiten
hatten es selbst auf solch kurzen Plätzen weitaus schwerer als wir Gegenwartsgolfer, denen
die moderne Ball- und Schlägertechnologie zu immer neuen Weiten und größerer Präzision
verholfen hat. Oakhurst Links, 1884 von Russell Montague und drei weiteren schottischen Golffanatikern
angelegt, war der erste reguläre Golfplatz in den Vereinigten Staaten. Die vier Herren gründeten
dort den Oakhurst Golf Club, erklärten sich selbst zu dessen einzigen Mitgliedern und verbrachten ihre
Freizeit fast ausschließlich auf der Golfwiese. Die Nachbarn dagegen wunderten sich über die
„spinnenden Schotten, die hinter großen, weißen Pillen herlaufen“. Zwar führen
viele einschlägige Standardwerke über den Golfsport noch immer den Shinnecock Hills Course auf Long
Island bei New York als ersten Platz der USA, doch als dieser 1891 eröffnet wurde, hielten
die schottischen Hinterwäldler aus West Virginia bereits die vierte Auflage ihres jährlichen
Golfturniers ab. Eine Original-Medaille, die „Oakhurst Challenge Medal“ aus dem Jahre 1888,
heute in einer Vitrine im Clubhaus von Oakhurst Links,
ist der zweifelsfreie Beleg für diese frühen Golfaktivitäten.
Es ist allerdings nicht verwunderlich, dass der Platz jahrzehntelang
vollkommen in Vergessenheit geriet, denn die
schottischen Sonderlinge kehrten 1904 in ihre europäische
Heimat zurück, die Anlage verwilderte und wurde wieder
ausschließlich für Landwirtschaft und Viehzucht genutzt.
1960 erwarb Lewis Keller die Farm, und dreißig Jahre
lang züchtete er dort Vollblutpferde. Eines Tages stieß
er zusammen mit seinem Freund und Golfpartner Sam
Snead, der in der Nähe von Oakhurst seinen Lebensabend Alte Dokumente tauchten auf, jemand brachte die Sieger-
Medaille des Turniers von 1888, und bei Nachforschungen
auf dem Gelände förderte man einige Bälle und sogar
mehrere tönerne Röhren zutage, die damals auf den
Grüns die Löcher markierten. Mister Keller engagierte den
Golfplatzarchitekten Bob Cupp, und gemeinsam mit Sam
Snead machten sie sich daran, den alten Kurs so getreu wie möglich nachzubauen. Spuren im Gelände,
alte Aufzeichnungenüber Dränage, persönliche Erinnerungen der früheren
Besitzer und das Wissen über die Flugeigenschaften
damaliger Golfbälle trugen dazu bei, den Platz wieder so
authentisch wie möglich herzurichten. Der Kurs führt heute
wie damals bergauf und bergab durch eine kaum berührte
Waldlandschaft, die Fairways sind eng und oft von mannshohem
Sumpfgras oder dichtem Gestrüpp begrenzt. Überall
hat man den Eindruck, dass sich die Natur den Platz in
kürzester Zeit wieder zurückholen könnte.
1994 weihte Sam Snead die Anlage mit einem ersten
Abschlag ein, und seither ist der Golfsport des neunzehnten
Jahrhunderts dort zu Hause – eine Art Freilichtmuseum,
in dem man selbst tätig werden kann. Der Platz
darf allerdings auch im Alltag nur mit zeitgerechter Ausrüstung
bespielt werden, und es versteht sich von selbst, dass Golf Carts nicht erlaubt sind – eine ziemlich radikale
Maßnahme in einem Land, wo selbst auf dem Golfplatz kaum noch
jemand zu Fuß gehen mag. Wer keine traditionellen Schläger und Bälle
besitzt, kann sie im Clubhaus ausleihen, doch gibt es in den Vereinigten Staaten längst eine große
Anzahl von Sammlern antiker Schläger, die hier
die beste Gelegenheit sehen, ihre Kollektion einmal in stimmiger Umgebung
auszuprobieren. Bemerkenswert ist, dass sich die Oakhurst Links mit ihrem nostalgischen
Anspruch bruchlos in das Erscheinungsbild des amerikanischen
Bundesstaates West Virginia einpassen. Dort, in den dicht bewaldeten
Bergen der Allegheny Mountains, fühlt man sich eigentlich fast überall in die Vergangenheit
zurückversetzt. Unaufhörlich begegnet man Bildern
aus einer anderen Zeit, Bildern aus einem anderen Amerika, das längst
vergessen schien und höchstens noch in alten Hollywoodfilmen zu sehen
ist. Im „Hillbilly Country“ gibt es kaum schnurgerade Highways oder
neongesäumte Vorstadtstraßen, stattdessen kurvt man stundenlang über
klassische „backroads“: enge Straßen durchs Gebirge, an Bächen und Ententeichen
entlang. Das Autoradio empfängt nur noch
einen einzigen Sender, der natürlich rund um die Uhr Country Music spielt, manchmal unterbrochen von unbeholfen
inszenierten Werbespots für heimischen Kautabak
oder einen örtlichen Kaufmannsladen.
Links und rechts am Straßenrand sieht man wacklige
Holzhäuser und winzige Blockhütten, windschiefe Scheunen
und verbeulte Getreidesilos, verrostete Traktoren und
Autowracks im Vorgarten. Dazwischen stehen aber auch,
weithin sichtbar auf einer Anhöhe oder dezent im Wald
versteckt, die Villen von wohlhabenden Farmern – die
meisten im viktorianischen Stil mit repräsentativen Säulen vor dem Eingang, umlaufenden Veranden, Türmchen,
Erkern und handgeschnitzten Balkonbrüstungen. Auf den
Weiden rund um die Farmhäuser grasen Pferde, und irgendwo zweigt eine Schotterstraße ab zu den Oakhurst
Links. Dort, wo sie einspurig wird und eine wacklige
Holzbrücke überquert, steht hinter der Biegung das hübsche
Clubhaus, in dem Mister Keller ein kleines Museum
eingerichtet hat. Im einstigen Wohnhaus der Familie
Montague stellt er einige Schmuckstücke aus der Frühzeit des amerikanischen
Golfsports aus: eine Sammlung antiker Golfbälle, kunstvoll gearbeitete
Hickory-Schläger und Photographien, die von den vornehmen Sitten
und Gebräuchen in der „guten alten Golfzeit“ zeugen.
Selbst am Tag der Hickory Golf Championship finden nur wenige Besucher
den Weg nach Oakhurst, die Enthusiasten sind im Wesentlichen
unter sich. Doch Ruhe und Beschaulichkeit tragen dazu bei, dass man sich auch außerhalb des Museums
um ein Jahrhundert zurückversetzt
fühlt. Bei über dreißig Grad Hitze begehen die Nostalgie-Golfer dann aber
doch einen zwar verständlichen, aber gravierenden Stilbruch: Im Laufe
der Runde entledigen sie sich ihrer Jackets und hängen ihre Mützen und
Melonen an einen Baum. Das hätten sich die Vorväter zweifellos nicht
erlaubt. Die Damen allerdings befolgen tapfer die sittsame Kleideretikette
und präsentieren sich auch am letzten Grün noch in ihrem makellosen
viktorianischen Aufzug. Sie beharren darauf, dass Tradition und Flair bei Hickory Golf wichtiger sind als die sportliche Leistung.
von Dr. Volker Mehnert, Bad Soden
Golf-Journalist, schreibt u.a. für die FAZ, ist Mitautor des Buches:
Deutscher Golf Verband e. V. (Hrsg.): 100 Jahre Golf in Deutschland. Albrecht Golf Verlag, Oberhaching 2007,
ISBN 978-3-87014-274-2
Quelle: Zitat aus der Broschüre: "Ein hundertjähriger Mythos wird lebendig", Oberhof 2008
Mit freundlicher Genehmigung des
Herzoglichen Golf-Clubs Oberhof